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Nachruf auf Niklas Luhmann

(8.12.1927 - 6.11.1998)

by Dirk Baecker

 

Guter Geist ist trocken
- und Systeme sind unzuverlässig

Ein Nachruf auf Niklas Luhmann wird auf mindestens zwei Fragen eine Antwort geben müssen. Wer war Niklas Luhmann? Und was hat er bewirkt? Er selbst hat beide Fragen beantwortet, indem er einmal sagte, daß einzige, was er verändern wolle und könne, sei die Soziologie. Denn aus dieser Aussage wird sowohl seine außerordentliche Bescheidenheit als auch sein umfassender Anspruch deutlich. Denn viel ist es gemessen an den ehemals großen Ansprüchen an die Leitwissenschaft Soziologie nicht, wenn ein Soziologe sagt, daß er nur sein Fach, aber nichts außerhalb dieses Faches, nichts in der Politik, nichts in der Wirtschaft, nicht einmal etwas in der Erziehung, geschweige denn in der Gesellschaft insgesamt verändern wolle. Und gleichzeitig könnte der Anspruch größer nicht sein, ein Fach, ein ganzes Fach mit seiner wissenschaftlichen Tradition, seinen Erwartungen, Methoden, Tonfällen und Fragestellungen und nicht zuletzt mit seiner gesellschaftlichen Rolle, verändern zu wollen. Wer war Niklas Luhmann? Hat er die Soziologie verändert?

Niklas Luhmann war Jurist, der sich nach dem Krieg in Hannover am niedersächsischen Kultusministerium als Ministerialdirigent um die Problematik der Wiedergutmachung national-sozialistischen Unrechts zu kümmern hatte. Luhmann wurde auf diesem Amt in Hannover bald unruhig, weil er feststellen mußte, daß seine Karriereaussichten, und das hieß für ihn: die Aussicht auf intellektuell interessante Arbeit, begrenzt waren, wenn er, wozu er nicht bereit war, sich nicht parteipolitisch band. Also setzte er an der Verwaltungshochschule Speyer sein akademisches Studium fort, stieß auf die Soziologie des Amerikaners Talcott Parsons und entschied sich, in Harvard ein Soziologiestudium abzuschließen. Er promovierte und habilitierte sich an der Universität Münster in kürzester Zeit und wurde 1968 zum ersten Professor der gerade neu gegründeten Universität Bielefeld ernannt. Da der Betrieb dort noch nicht richtig angelaufen war, hatte er noch Gelegenheit, den Lehrstuhl von Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main zu vertreten und dort im Todesjahr Adornos und während der grössten Wirren der studentischen Rebellion ein Seminar über die Soziologie der Liebe anzubieten.

Während alle anderen über Theorien des Spätkapitalismus stritten, bietet Luhmann ein Gespräch über die Liebe an! Ich bin fast sicher, daß in Frankfurt damals kaum jemand die Ironie der Sache verstanden hat. Luhmann war wahrscheinlich einer der grössten Humoristen seiner Zunft, wenn nicht der Wissenschaft überhaupt. Aber niemand hat das gemerkt, weil sein Witz haarscharf war und nur von denen verstanden werden konnte, die in der Lage waren, sich selbst zu verstehen. Und sein Witz traf auf eine Zunft, die sich nicht vorstellen konnte, über irgendetwas in der Gesellschaft einen Witz zu machen. In diesem Punkt jedoch steht Luhmann in der Tradition der französischen Moralisten des 17. und 18. Jahrhundert, die ihren Rabelais kannten und selbstverständlich davon ausgingen, daß das grosse Gelächter eine nicht zu unterschätzende erkenntnisstiftende Kraft hat. Aber Luhmann stimmte kein grosses Gelächter an, zumindest nicht sichtbar.

Luhmann hat ein fast unüberschaubares Werk geschrieben, zu dem es mittlerweile Einführungen und Sekundärliteratur in Hülle und Fülle gibt. Es war leicht, den Eindruck zu gewinnen, daß er nur dachte, wenn er schrieb, und froh war, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, wenn er nicht schrieb. Nichts war ihm ferner als die Geste des unaufhörlich mit dem Gedanken Ringenden. Nichts wäre ihm merkwürdiger vorgekommen, als es jedes Gespräch mehr oder weniger rücksichtsvoll auf jene Arbeiten zu lenken, die ihn gerade beschäftigen. Deswegen wirkte er nie wie ein Intellektüller, der für seine Fähigkeit lebt, die Dinge ins Wort zu bringen, und auch nie wie ein Professor, der jeden Gesprächspartner mit seinen Weißheiten beglückt; sondern er war durch und durch ein Wissenschaftler, der an seinem Gedanken so intensiv arbeitete wie kein zweiter, aber auch jederzeit damit aufhören konnte. "Fang nichts an, wenn du nicht weisst, wie du wieder aufhören kannst," war einmal seine Antwort, als ihn jemand fragte, ob er so etwas wie einen ethischen Imperativ formulieren könne. Und auf die Frage, woran er die Qualität seiner und anderer Arbeiten messen würde, zitierte er seine Mutter: "Es muß gut gemacht sein."

Trotzdem des Umfangs seines Werks ist es leicht, in Luhmanns Gesamtwerk bestimmte Einteilungen zu erkennen, die dabei behilflich sein können, dieses und nicht jenes zu lesen. So gibt es zunächst einmal den Luhmann, der die soziologische Grundbegrifflichkeit verändert und den Versuch unternimmt, den soziologischen Faden, nicht nur von Menschen, nicht nur von Normen, nicht nur von Rollen und nicht nur von Handlungen zu reden, aufzugreifen und die Begriffe noch einmal eine Stufe "tiefer zu legen" und vom Grundbegriff der "Kommunikation" auszugehen. Diese Arbeiten finden sich zum grössten Teil in sechs Bänden mit dem Titel "Soziologische Aufklärung". Der Ausgangspunkt hier ist, daß man menschliches Verhalten nicht bereits dann erklären kann, wenn man beschreibt, wie dieses Verhalten koordiniert wird, sondern erst dann, wenn in Rechnung gestellt wird, daß Erwartungserwartungen koordiniert werden. Vehaltenskoordinierungen wären leicht zu unterbrechen, Erwartungserwartungen sind ausserordentlich robust, schon weil sie uns meistens gar nicht bewusst sind.

Dann gibt es den Luhmann, der in bislang vier Bänden mit dem Titel "Gesellschaftsstruktur und Semantik" Studien zur historischen Semantik der Gesellschaft vor allem im 17. und 18. Jahrhundert vorgelegt hat. Diese Studien zum Selbstverständnis des Adels, zur Entstehung der Pädagogik, zum Kultur- und Naturbegriff, zur Entstehung des Staatsbegriffs und so weiter haben die Aufgabe, eine der zentralen Thesen Luhmanns zu belegen, nämlich die Umstellung der Gesellschaft in diesen beiden Jahrhunderten von einer hierarchisch geordneten Schichtungsgesellschaft (Adel, Klerus, Baürn, dann der unruhige Stand der Bürger) auf eine funktional differenzierte Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Recht, Religion, Wissenschaft, Erziehung, Kunst...). Und der Trick dabei ist, daß es nicht genügt, dies einfach zu behaupten, sondern daß man zeigen muß, wie die Gesellschaft selbst strukturell und semantisch diese Umstellung zuwege brachte. Luhmann hat zentnerweise Literatur gesichtet, die kein Soziologe zuvor zur Kenntnis nehmen mußte, in der Breite des historischen Wissens und der Originalität des Zugriffs wahrscheinlich nur Max Weber vergleichbar.

Drittens gibt es den Luhmann, der nicht zögert, immer wieder mit kleinen Titeln zu aktuellen gesellschaftlichen Problemstellungen Stellung zu beziehen, etwa wenn er Anfang der achtziger Jahre etwas über den Wohlfahrtsstaat schreibt, Ende der achtziger Jahre so etwas wie ein Manifest der ökologischen Probleme, Anfang der neunziger Jahre eine Studie der "Risikogesellschaft" und Mitte der neunziger Jahre eine Theorie der Massenmedien. In den sechziger und siebziger Jahren, als man noch technokratische Hoffnungen in die Soziologie setzte, konterte er mit Feinstudien zur Organisation, zum Verfassungsstaat und zum Rechtssystem, die jeden aufmerksamen Leser dazu gebraucht hätten, alle technokratischen Hoffnungen fahren zu lassen. Statt dessen las man nur immer wieder das Wort "System" und glaubte zu wissen, woran man war.

Und viertens gibt es den Luhmann, der an seinem zentralen "Projekt" arbeitet, an einer neuen Gesellschaftstheorie, die Ansätze von Comte, Marx, Weber und Parsons aufgreift und auf eine neue, aus der Kybernetik, Informationstheorie, Evolutionstheorie, Neurophysiologie, Mathematik und Philosophie erarbeiteten Grundlage stellt. Theoretisch fundiert in seinem ersten Hauptwerk "Soziale Systeme" (1984) besteht es aus Büchern über die Wirtschaft, die Wissenschaft, das Recht und die Kunst und kulminierte in seinem Buch über "Die Gesellschaft der Gesellschaft" (1997). Diese Gesellschaftstheorie hat zahlreiche Pointen, die hier unmöglich alle erwähnt werden können. Ihre Grundlage ist in der Tat eine Systemtheorie, jedoch eine Systemtheorie, die ihren entscheidenden Einsatz darin hat, daß sie Systeme für jeden Beobachter und für jede Steuerungsabsicht als unzuverlässig beschreibt. Die Welt ist nicht in Systeme geordnet, sondern sie zerfällt in Systeme, die alle ihre eigene Umwelt haben. In diesen Systemen arbeiten selbstreferentielle Mechanismen, die nur eine Sorge haben: die Fortsetzung des Systems zu sichern. Mit Rationalität hat das nichts zu tun, mit Fortschritt auch nichts. Diese Beobachtungsform überträgt die marxsche Analyse der Ökonomie auf die gesamte Gesellschaft, korrigiert dementsprechend die Überschätzung der Ökonomie (die bei Marx, wie man inzwischen weiss, auch eine Unterschätzung war) und findet keine Ansätze mehr für die Erwartung einer Revolution.

"Guter Geist ist trocken", antwortete Luhmann einmal auf die Frage nach einer Art Maxime seines Lebens. Er hat diesen trockenen Geist gelebt. Er hat die Soziologie grundlegend verändert. Und er hat uns eine Beschreibung der modernen Gesellschaft hinterlassen, die sich in den kommenden Jahrzehnten auf das Schwierigste wird bewähren müssen. Die Universität Bielefeld hat er trotz zahlreicher Rufe an andere Universitäten nie verlassen. Es wäre ihm immer zu riskant gewesen, seinen Zettelkasten einem Flugzeug, Schiff oder auch nur der Eisenbahn anzuvertrauen. Auch dort blieb er sich und seinem Glauben an die Unzuverlässigkeit der Systeme treu.

Nachruf: Berliner Zeitung, Nr. 264, 12. November 1998, S. 11

 

 

 

 

Zum Schluss die alles entscheidende Frage: Wer war Niklas Luhmann?

Die Frage des "Wer bin ich?" führt zwangsläufig ins Dunkel, aus dem man nur auf unehrliche Weise (...) wieder herausfindet" (Luhmann).

Aber wenn schon 'unehrlich', dann wenigstens schön! Etwa so wie es sein Freund De Giorgio versucht hat:

"Er war seine Theorie. Nicht weil die Theorie sein Leben gewesen wäre, sondern weil sein Denken und Leben wie seine Theorie waren. Überraschend, selbstironisch, geduldig, einsam, unverständlich einfach, harmlos und zerstörerisch, paradox und selbstverständlich."